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Die Historischen Kuranlagen
Die Historischen Kuranlagen

Die Historischen Kuranlagen

Die Entdeckung der Heilquelle und die Entstehung des Kurbades

„Wie geschwind können sich nicht die Umstände einer Sache ändern?“ Mit diesen Worten leitet der Bade-Medicus Daniel Gottfried Frenzel die Wandlungen ein, die sich in Lauchstädt am Beginn des 18. Jahrhunderts vollzogen.

Die Heilquelle wurde durch Zufall entdeckt. Nach genauer Untersuchung des Wassers ließ sich der berühmte „Geheime Rath Friedrich Hoffmann, D. und Prof. der Arzneygelahrheit in Halle“, sogleich „vernehmen, daß es ein gesund Wasser sey, welches in vielen sonderlich langwierigen Kranckheiten als Fiebern, Geschwulst, Bleichsucht bey den Frauenzimmer etc., insonderheit aber äusserlich als ein Bad, zu Stärckung der schwachen Glieder, mit nicht geringem Nutzen würde können gebrauchet werden.“

Schnell gab es Berichte und Gerüchte über ungewöhnliche Heilerfolge. 1710 wurde die Quelle auf Befehl der Herzogin Erdmuthe Dorothee von Sachsen-Merseburg gefasst „und über den Graben ein Häusgen, zu einiger Bequemlichkeit derer, ... welche sich künftig des Brunnens bedienen würden“, gebaut. Das Gründungsjahr des Bades war damit gegeben. Ein Brunnenarzt wurde bestellt und ein Brunnenmeister eingesetzt. Zahlreiche mehr oder weniger gelehrte Schriften verkündeten den Ruhm des neuen Bades. Mit Vergnügen ist heute noch das vom „königlich-polnischen und kurfürstlich sächsischen Land-, Berg- und Stadt-Physico Doktor Johann Friedrich Henckel“ verfasste Schriftchen „Das Hülffreiche Wasser zum langen Leben“ zu lesen. Es ist ein originelles Zeugnis der Badeliteratur des 18. Jahrhunderts. Der Verfasser erweist sich als ein für seine Zeit höchst aufgeklärter und ehrlicher Arzt, der mit gutem und oft derbem Humor schreibt. Frische Luft und gutes Bier betrachtet er als zwei der wichtigsten Medikamente. Da heißt es: „Am Geträncke, an einem guten Bier! ist doch bey Bädern nur gar zu viel gelegen! Mehr als an Gold-Essentzen, Herz-Pulvern und solchen Sieben-Sachen! O wenn doch die Einwohner und Obrigkeiten solcher Orten darauff dächten, ... daß Brau-Häuser und Bier-Keller die vornehmsten Apothecken, ja solche Werckstätten seyn, wo man sich so wohl den Himmel als die Hölle verdienen könne. Aber wie glücklich ist doch unser liebes Lauchstädt ..., daß es das gantz unvergleichliche Merseburger Bier so nahe zur Hand hat!“ Das wichtigste für den Kuraufenthalt, „so man vornemlich mit zunehmen hat“, ist nach Henckel „eine feine Silber- oder Gold-Tinctur, d. i. ... ein Beutel mit Geld…“. Munter schreibt er weiter: „Ein reicher Lauser soll nur zu Hause bleiben, und seine alte Knochen kauen, wie es einem Unmenschen gehöret ... Denn es will hier nicht allein zur Nothdurfft was mehrers auffgewendet, sondern auch was zur Ergötzlichkeit seyn ... Und was hülffe es dem Menschen, wenn er das Bad mit der gantzen Apothecke einnähme, und litte doch dermassen Gebruch, daß er sich weder was gesundes und stärckendes an Speiß und Tranck vor sein Maul kommen noch die Stube warm machen ließe oder nicht könnte.“ Nach gründlicher Beweisführung, wie unklug es sei, ohne Geld ins Bad zu fahren, und wie es der Reiche und wie es der „Mittelmann“ damit halten solle, kommt er zu dem realistischen Schluss: „Dem gar Armen helffe der liebe Gott; die Samariter sind ziemlich abgestorben“.

Die Lauchstädter Brunnenanlagen | Kupferstich von unbekannt | 1726

Die Lauchstädter Brunnenanlagen | Kupferstich von unbekannt | 1726

Henckels Schrift ist die älteste Abbildung der Lauchstädter Badeanlagen beigegeben. Der landkartenartige Plan zeigt das Bad, seine Lage und die in den ersten Jahrzehnten errichteten Gebäude. Die mit einer Balustrade gefasste Quelle für die Trinkkuren ist zu erkennen, der Graben, aus dem in Trögen das Badewasser geschöpft wurde, das Lusthäuschen, das „Assamblee-Hauß“, die Garten- und Parkanlagen mit Andeutungen der Alleen, die Lauchstädts Wahrzeichen geworden sind. Zu verdanken waren diese Anlagen vor allem dem Herzog Moritz Wilhelm (verstorben 1731), dem sogenannten Geigenherzog, der „zu mehrerer Annehmlichkeit“ der Badegäste „kein Geld und keine Sorgfalt gesparet“. Er sorgte für die Reinhaltung der Quelle, ließ die Kastanienallee erweitern und baute einen großen Saal, „30 Ellen lang und 12 Ellen breit mit 5 Fenstern auf jeder Seite“. Dieser Saal war, wie Henckel schreibt, zu „derer Bade-Gäste Ergötzlichkeit, insonderheit vor Standes-Personen, zu Assambléen, Bällen und allen erwünschten Zeitvertreib, nach Art berühmter Bäder“. „Und da auch dieses noch zu wenig schien“, ließ der letzte Herzog von Sachsen-Merseburg, Heinrich, mit dessen Tod 1738 das Herzogtum und das Stift Merseburg wieder an Kursachsen fielen, zu Spiel und Unterhaltung in „der Mitte des Gartens“ einen großen, vom Herzoghut gekrönten Pavillon bauen. Schrifttafeln über den vier Eingängen verkündeten den Ruhm des Landesherrn und seiner Zeit. So bescheiden alle diese Anlagen uns scheinen, das Bad kam, wie man damals sagte und schrieb, „in Aufnahme“. In wachsender Zahl besuchten nun die adligen Familien des mitteldeutschen Raumes, Kursachsens, ja sogar Polens neben den reichen Bürgern und Gelehrten der umliegenden großen Städte, vor allem Leipzigs und Halles, Bad Lauchstädt.

Der Badearzt Dr. Krieg hat in seiner 1848 erschienenen Schrift „Bad Lauchstädt sonst und jetzt“ das Lauchstädter Leben in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts anschaulich geschildert: „So sehen wir denn in den ersten Jahrzehenden unseres Bades die farbigen Gruppen steiffrisirter reichgepuderter Herren mit Spitzenmanchetten und meißner Porzellan-Tabatieren, und die Damen, kunstvoll geschminkt und von Ambra duftend, in rauschenden Reifröcken und hohen Hackenschuhen, kokett und schalkhaft mit dem bunten Fächer spielend, wie sie gravitätisch lustwandeln in der Kastanienallee, wie sie am Brunnenhäuschen Kaffee und Limonade schlürfen, wie sie in Assembleehause sich am Billard erlustiren oder sonst anständige Kurzweil pflegen. Aeltere Damen und Herren halten die Spieltische in den Pavillons besetzt, oder ergötzen sich an der Erzählung lustiger und galanter Abenteuer ... Die Conversation wird meist französisch geführt, zum Unterschied von jener anderen Gesellschaft, in welcher man mit feierlichem Pathos Gottscheds platte Poesien recitirt oder die Lieder der Karschin und Gellerts zärtliche Idyllen.“

Trotzdem fehlte es in diesen Jahren nicht an Beschwerden der Badegäste über Unbequemlichkeit. Der Lauchstädter Amtmann Riedner sandte, besorgt über die weitere Entwicklung des Bades, 1764 der kurfürstlichen Regierung in Dresden eine ausführliche Denkschrift. Seine Vorschläge zur Veränderung fanden zu dieser Zeit allerdings noch keine Beachtung.

Die Neugestaltung der Anlagen in den Jahren 1776 bis 1787

Erst als, mit dem Jahre 1775 beginnend, der Dresdner kurfürstliche Hof seine Sommerresidenz mehrmals nach Lauchstädt verlegte, begann für Ort und Bad eine neue Periode des Aufschwungs und bis dahin nie gesehenen Glanzes. Im Gefolge der kurfürstlichen Herrschaften befanden sich Oberhofmeister, Oberstallmeister, Oberkammerherr, Generaladjutanten. Zwei Beichtväter und ein Hofkaplan fehlten ebensowenig wie die zahlreiche Dienerschaft und eine Infanterie- und Kavallerieabteilung für den Wachdienst.

Für den Besuch des kurfürstlichen Hofes mussten Schloss und Umgebung überholt werden. Im Inneren des Schlosses reichte die Neugestaltung vom Raum für die fürstliche Tafel bis zum Eiskeller, selbst die Möbel erhielten neue Bezüge. Dennoch genügten die bescheidenen Anlagen des Lauchstädter Bades dem verwöhnten Dresdner Hof nicht auf die Dauer. Riedners erwähnte Denkschrift wurde hervor gesucht. Der Merseburger Stiftsbaumeister Johann Wilhelm Chryselius erhielt den Auftrag, ein Projekt für die großzügige Neugestaltung der gesamten Anlage auszuarbeiten, zur Genehmigung vorzulegen und danach die erforderlichen Arbeiten zu leisten. Die Oberaufsicht wurde dem Oberkammerherrn Graf Marcolini übertragen. Als Direktor der Dresdner Akademie hatte er die Direktion der kurfürstlichen Sammlungen, die Oberaufsicht über die Kunstakademie, die Direktion der Meißner Porzellanmanufaktur und die Aufsicht über alle kurfürstlichen Bauvorhaben inne. Das Marcolini-Palais, das heutige Friedrichstädter Krankenhaus in Dresden, die Fasanerie in Moritzburg, der sechsstrahlige Stern zwischen den Kurschwertern des Meißner Porzellans, den er während seiner Direktion anbringen ließ, und die Lauchstädter Anlagen sind Zeugnisse seines Wirkens. Dem Merseburger Stiftsbaumeister Johann Wilhelm Chryselius, der dieses Amt von 1774 bis 1793 bekleidete, ist als Baumeister und Architekt der neuen Lauchstädter Anlagen ein großer Wurf gelungen. Kaum noch einmal ist in einem der deutschen Länder ein kleines Bad auf so engem Raum bau- und gartenkünstlerisch so glücklich und heiter gestaltet wie in Lauchstädt. Zu Recht gelten die Lauchstädter Anlagen als „eine der köstlichsten“ ihrer Art und sind „als menschliche Schöpfung ein kleines Juwel“ genannt worden.

Im Hauptstaatsarchiv Dresden befindet sich eine von Chryselius verfasste ausführliche Schrift mit dem Titel „Beschreibung der ehemaligen Lage und Beschaffenheit des mineralischen Bades zu Lauchstaedt, dessen Veränderung und Verbesserung durch neue Anlagen und Gebäude, welche seit 1776 bis 1782 auf hohen Befehl und Anordnung Sr. Exzellenz des Herrn Grafen Marcolini sind gefertigt worden“. Zusammen mit den Plänen des Zustands vor und nach den von Chryselius geplanten und betriebenen Arbeiten gibt dieser Bericht ein genaues Bild über den Charakter und den Umfang der Neugestaltung. Die Hauptachse der Anlage führt vom Tor des Schlosses über den Brunnen zum Kurhaus und schneidet die Haupt-Promenade in der Mitte. Mittelpunkt der Gesamtanlage ist die von einer steinernen Balustrade umgebene Brunnenkammer der Heilquelle. Eine doppelläufige Treppe führt zu ihr hinab, die den Badegästen gestattete, Wasser zu schöpfen. Das vor dem Brunnen stehende hölzerne Lusthäuschen musste, wie der längst baufällig und für die wachsende Zahl der Badegäste viel zu klein gewordene hölzerne Tanzsaal und der 1735 errichtete Pavillon, den Neubauten weichen. Unmittelbar hinter dem Brunnen wird die Hauptachse durch das Kurhaus abgeschlossen. Wie alle baulichen Schöpfungen Chryselius´ gehört es den spätbarocken Traditionen Dresdens an. Dem Kurhaus geben zwei übereinanderliegende Fensterreihen einen repräsentativen Charakter. Der Kursaal, für Bälle, Gesellschaften und die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt, zieht sich durch Erd- und Obergeschoss und lässt durch seine Größe erstaunen. Im Mansardengeschoss war eine Anzahl freundlicher Zimmer angeordnet, die für wechselnde Geselligkeit miteinander verbunden werden konnten. Im Ganzen entstand damit ein prächtiges „Gebäude, das der Kunst des Baumeisters Ehre, und dem Geschmacke des Mahlers bey jedermann Ruhm erwirbt,…“. Am 27. Juli 1780 übergab es der Kurfürst „mit einem grossen Soupee und darauf folgenden Ball“ seiner Bestimmung. Den Brunnen gleichsam einrahmend, wurde rechts und links von seiner steinernen Balustrade je ein quadratischer Pavillon mit hochgezogenem Mansardendach errichtet. In der Fassadengliederung völlig gleich, hatten sie jedoch unterschiedliche Funktionen.

Der Quellpavillon hatte im Kellergeschoss große gemauerte Becken zur Aufnahme des ihm mit natürlichem Gefälle zufließenden Quellwassers. Der Kellerraum öffnete sich mit Arkaden nach einem vertieften Vorraum, zu dem eine steinerne Treppe hinabführte, die, dem Brunnen ähnlich, mit einer steinernen Balustrade gefasst war. Von den frühesten Morgenstunden an konnten dort Lauchstädter Bürger für ihre Badegäste, die in den Wohnungen baden mussten, Wasser schöpfen. Das Schöpfen und Herantragen oder Heranfahren des Badewassers war eine für die Badewirte notwendige Mühe, aber auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Das Erdgeschoss des Pavillons diente der Bewirtung und den Vergnügungen der Badegäste.

Der Badepavillon war für die Verabreichung von Duschbädern gebaut, einer damals neuartigen Heilmethode, über deren Erfolge mancherlei berichtet wurde. Zu ihm gehörte eine „Wassermaschine“, eine Wasserkunst, die das Brunnenwasser von der Quelle in die Reservoire und Wärmepfannen des Mansardengeschosses pumpte. Im Erdgeschoss befanden sich je zwei Umkleide- und Badekabinen mit großen, steinernen Wannen. Die Badeliteratur der Zeit berichtet, dass der Badepavillon wegen seiner Einrichtung, seiner Vollkommenheit und seines Nutzens mit keinem anderen vergleichbar gewesen sei.

Neben dem Kursaalgebäude entstand als Fachwerkbau ein geräumiges Wirtschaftsgebäude, in dem die Küche und die Wohnungen des Pächters und des Gärtners Aufnahme fanden. Schließlich wurde der abgerissene, auf Veranlassung von Herzog Heinrich 1735 erbaute Pavillon am Ende der Allee neu aufgerichtet und nun von einem Kurhut gekrönt. Als ältestes Bauwerk der Lauchstädter Anlagen steht er noch heute an dieser Stelle.

„Aber nicht blos durch diese kostbaren und nützlichen Gebäude, ist Lauchstädts Ruhm und Schönheit vermehrt worden, sondern die großen Veränderungen, welche an den Alleen, mit dem Zwingergraben um das Schloß herum, und dem Kohlberge, einem freyen Plaze an dessen Nordseite, vorgenommen sind, gewähren eben so viel Nutzen, als Vergnügen“, schreibt 1790 der Bade-Medicus Johann Ernst Andreas Koch.

In der Tat ist das gesamte Gelände umgestaltet worden. Der Kohlberg wurde abgetragen, der Brunnengarten mit den dabei gewonnenen Erdmassen aufgefüllt, das Schlossvorwerk abgerissen, der Mühlteich zum Parkteich erweitert. Die Allee entlang der Laucha wurde verbreitert und durch neue Baumreihen verschönt, die Laucha selbst auf einer Länge von fast 300 Metern überwölbt.

Auch die im natürlichen Wachstum stehende Pflanzenwelt musste sich dem menschlichen Gestaltungswillen beugen. Bei der Gestaltung des Parks wird der Übergang vom späten Barock und Rokoko zum englischen Landschaftsgarten sichtbar. Besonders deutlich ist der Übergang bei der Anlage der Kolonnaden zu erkennen, die als letzte Baumaßnahme 1787 vollendet werden konnte. Die Kolonnaden, als Wandelhalle für regnerische Tage und zur Unterbringung der Buden der zugewanderten zahlreichen Krämer gedacht, folgen dem Lauf des Lauchabetts. Sie sind ein vorzügliches Beispiel für die Angleichung eines Bauwerks an die Natur. Wie unter dem natürlichen Blätterdach vermag der Badegast hier unter einem künstlichen zu wandeln. Die den Aufriss bestimmende Schlichtheit ist keine Not, sondern eine Tugend. Im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, aufgefundene Entwurfszeichnungen Chryselius´ zeigen, dass er für die bretternen Schauseiten eine illusionistische Architekturmalerei vorgesehen hatte.

Nicht ohne Stolz schreibt Johann Ernst Andreas Koch, der Lauchstädter „Medicin-Doctor und Bade-Medicus“ dieser Jahre, mit dem Beginn der Neugestaltung „hebt sich die Periode der Verschönerung und des Glanzes Lauchstädts an, den es jetzt hat, und weshalb es mit den größten Bädern Deutschlands um den Vorzug streitet“. Übereinstimmend werden die neuen Anlagen, deren spätbarocke Schönheit jeden Besucher erfreute, von allen Zeitgenossen gerühmt. So schreibt Schiller 1803: „Der Ort hat einen recht schönen Eindruck auf mich gemacht, die Allee und alle Anlagen umher sind heiter, es ist für die Sozietät auf eine artige und anständige Weise gesorgt, …so daß ich mich in der Masse der Menschen recht gern mit fortbewege ... Ich esse in dem großen Salon, der sehr schön und ziemlich so groß wie der Konzertsaal im Landschaftshaus zu Weimar ist.“

Badegäste und Theaterbesucher

„Der hinterste Pavillion in der großen Kastanien Allee“ | colorierter Kupferstich | F. A. Scheureck | 1790

„Der hinterste Pavillion in der großen Kastanien Allee“ | colorierter Kupferstich | F. A. Scheureck | 1790

Längst nicht alle Besucher, vor allem in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, fanden, dass „für die Sozietät auf eine artige und anständige Weise gesorgt“ sei. Über viele Jahre hinweg trennte sich die Badegesellschaft in streng voneinander geschiedene Kreise, und die große, den Charakter des Jahrhunderts Goethes bestimmende Auseinandersetzung zwischen dem verfallenden Feudaladel und dem jungen, aufstrebenden Bürgertum wurde in diesem kleinen Bade, wie einer der Badeärzte schreibt, „grell und schneidend“ sichtbar. Ein gut beobachtender Badegast berichtete 1787: „Man kann in Lauchstädt auf der Allee nicht zwei Schritte gehen, ohne auf ein Kreuz zu stoßen, ohne einer Uniform zu begegnen, und einen Herrn mit einem goldenen Knopf vor oder hinter sich zu sehen ... Diese drei Arten von Badegästen, Domherren, die Officiers und die Kammerherren, samt dem übrigen gelehrten und ungelehrten Adel, als da sind Kanzler, Hof-, Regierungs- und Kammerräthe, auch Assessoren, halten sich alle fest zusammen und schließen einen so dichten Zirkel, daß es kein Mensch wagen darf, sich unter sie zu mischen.“ Diese stolze Abgeschlossenheit der feudalen Kreise zog sich durch das gesamte Badeleben und erstreckte sich sogar auf die öffentlichen Vergnügungen. Durch ihren Einfluss auf den Pächter des Kurhauses erreichten die adligen Herrschaften, dass selbst bei der gemeinschaftlichen Tafel nicht gegen Rang und Etikette verstoßen werden durfte. Obenan wurden die Exzellenzen plaziert, denen folgten die Grafen, die Barone und so fort. Die Bürgerlichen durften am Ende sitzen. „Und doch bezahlt täglich … einer so gut … als der andere, ... und Se. Excellenz nicht mehr als der Sekretär“, schreibt unser Beobachter dazu. Bei den Vergnügungen und Bällen behandelte man Nichtadlige mit so unverschämter Zurücksetzung, dass in Zeitungen und Zeitschriften Stimmen des Unwillens und des Protestes laut wurden. 1791 erschien anonym mit Philadelphia als Verlagsort ein Lustspiel in drei Akten, „Der Adelsstolz im Bade Lauchstädt“. Der Autor Christian Friedrich Möller hatte es in Gera drucken lassen. In diesem Stück wird der Adelshochmut verspottet und ihm freier Bürgersinn und allgemeine Menschenliebe gegenüber gestellt. In den Schilderungen des Lauchstädter Badelebens fehlt es aber auch nicht an Berichten, wie neben der hochadeligen Gesellschaft kleine bürgerliche Kreise auftauchen, die mit einem gewissen Selbstgefühl, wenigstens vorübergehend, Beachtung und Anerkennung erstreben. Es waren das in der Regel Gruppen wohlhabender Familien aus dem Kaufmanns- und Beamtenstande, die Gelehrten der Universitäten Halle und Leipzig und strebsame junge Männer, die sich eifrig um Professoren gruppierten oder einer literarischen Größe als erwünschter Hintergrund dienten. Gleichzeitig mit diesen bürgerlichen Gruppen, etwa seit der Mitte des Jahrhunderts, begannen sich als eine dritte Gruppe von Besuchern die halleschen Studenten in Lauchstädt einzufinden. An den Sonntagen kamen sie in großer Zahl nach Lauchstädt, um mit Sang und Klang ihre Gelage zu feiern. „Den großen Hut mit bunter Kokarde geschmückt, im engen Kollett, mit Kanonen und riesigen Sporen, den blanken Hieber an der Seite und die weitschallende Hetzpeitsche in der Hand, dazu den Rauch des gelben Knasters von Apolda in die Luft wirbelnd, waren sie für die feinere Gesellschaft nicht eben willkommene Gäste.“ Sehr bald wurde deshalb auf Betreiben der adligen Gesellschaft befohlen, dass weder in der Allee noch innerhalb der Brunnengebäude geraucht und an diesen Orten nicht mit den Peitschen geknallt werden durfte. „Desgleichen sollte daselbst Niemand, gleichviel ob vom Civile oder vom Militär mit Waffen erscheinen.“

Um 1790 hatte Lauchstädt im Hinblick auf äußeren Glanz und als Badeort seinen Höhepunkt überschritten. Der Rückgang an Fülle, Pracht und Vornehmheit wurde aber mehr als aufgewogen durch die Zunahme an Bedeutung, die Lauchstädt im geistigen Leben durch sein 1802 erbautes Theater erhielt. Und nur dem Theater, und zwar dem Theater unter Goethes Leitung, verdankt Lauchstädt seinen bis in unsere Tage währenden Ruhm (→ Theatergeschichte).

Das weitere Schicksal der Anlagen

Nach dem Wiener Kongress fiel Lauchstädt mit dem Stift Merseburg an Preußen.

Das Bad hatte nicht mehr die Anziehungskraft wie im vorigen Jahrhundert, obwohl 1823 ein öffentliches Badehaus von dem Leipziger Privatmann Dr. Richter gebaut wurde.

So blieb Lauchstädt noch bis in die Mitte der fünfziger Jahre ein beliebter Ausflugsort für Besucher aus Halle, Leipzig oder Merseburg, doch bald versank die Stadt zurück in den Schlaf

eines Landstädtchens. Der Leipziger Historiker und Archivar Gustav Wustmann besuchte Lauchstädt in der Mitte der 1880er Jahre und schildert seinen Eindruck folgendermaßen: „So ist denn Lauchstädt freilich kein Dornröschen, das etwa in einem Zauberschlafe läge, aus dem es über kurz oder lang wieder erwachen könnte, sondern es schläft den ganz gemeinen Todesschlaf ... Die alten Häuser und die alten Linden stehen noch, aber in den Duft der Lindenblüthe mischt sich die gewöhnliche und recht poesielose Atmosphäre eines modernen Biergartens, ...“

Die Provinzialverwaltung übernahm 1906 Kuranlagen und Theater mit der Verpflichtung, sie als Denkmäler der klassischen Zeit zu erhalten und zu schützen.

In Vorbereitung der Goethefeiern des Jahres 1932 wurden Kuranlagen und Theater abermals überholt.

Kuranlagen und Theater, die den zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden hatten, wurden nach 1945 wieder für kulturelle Zwecke genutzt. Dem Verfall der Baulichkeiten und der Verwilderung des Parks konnte aber nur in geringem Maße Einhalt geboten werden.

Die Wiederherstellung in den Jahren 1966 bis 1968

Die Arbeiten zur Rekonstruktion der Historischen Kuranlagen - die von Chryselius geschaffene spätbarocke Gesamtanlage, die in der Gliederung der Fassaden des Kurhauses und der Pavillons und vor allem in der Gestaltung des Kolonnadenzuges schon ganz der Baukunst des Klassizismus zugewendet ist, sollte wieder als Kunstwerk erlebbar gemacht werden - erstreckten sich jedoch nicht nur auf die Wiederherstellung und Sanierung der alten Bauwerke und auf die Umgestaltung des verwahrlosten Parks. Zugleich mussten umfangreiche Arbeiten ausgeführt werden, um den Forderungen unserer Tage zu entsprechen. Dazu gehörten die Verbesserung der Energieversorgung, die Beheizung der Gebäude, sanitäre Anlagen, die Regelung der Abwasserführung, die Schaffung begehbarer Wege, die Beleuchtung und die Vorsorge, dass die periodischen Hochwasser, die seit Jahrhunderten Lauchstädt heimsuchten und 1965 noch einmal beträchtlichen Schaden angerichtet hatten, sich nicht wiederholen können.

Nach zweieinhalbjähriger Arbeit konnten 1968 die Historischen Kuranlagen und das Goethe-Theater wieder für die Besucher geöffnet werden.

Die baulichen Anlagen heute

Aus der Frühzeit des Bades ist der Herzogspavillon von 1735 erhalten, ein Fachwerkbau mit quadratischem Grundriss, erbaut vom sächsischen Landesbaumeister Johann Michael Hoppenhaupt. Mit seiner originalgetreuen Ausstattung als Spielsalon des Rokoko vermittelt er heute einen Eindruck von der Eleganz des damaligen Bades.

Das Zentrum der gesamten Kuranlagen bildet die ursprüngliche Stelle, an der das Lauchstädter Heilwasser seit mehr als 300 Jahren an die Oberfläche tritt. Innerhalb einer von acht Putti „bekrönten“ Sandsteinbalustrade, die aus der Entstehungszeit von 1776 stammt, führt eine doppelläufige Treppe hinab. Als Symbol der Heilquelle sprudelt seit 1996 Wasser in eine Brunnenschale aus Juramarmor. Das kostbare originale Heilwasser wird seit 1905 in Flaschen abgefüllt und verkauft.

Östlich der Brunnenbalustrade steht der Quellpavillon von 1776. Im Souterrain befindet sich der ehemalige Schöpfraum. Im Erdgeschoss ist das Besucherzentrum. Dort können Eintrittskarten zu den Veranstaltungen des Goethe-Theaters sowie Publikationen und Andenken erworben werden.

Der westlich der Quelle gelegene Pavillon, auch als Dusch- oder Badepavillon bezeichnet, enthielt ursprünglich die Bäder für die Kurgäste. Heute ist dort die Lauchstädter Badegeschichte vom Beginn im 18. Jahrhundert bis zu deren Ende und die anschließende Entwicklung der Anlagen dokumentiert.

Den Kursaal weihte der Dresdener Kurfürst Friedrich August III. im Jahre 1780 festlich ein. Das repräsentative Gebäude bildet den südlichen Abschluss der Kuranlagen. Der über zwei Geschosse reichende, lichtdurchflutete Raum wurde 1823/24 nach Entwürfen des berühmten Berliner Baumeisters Karl Friedrich Schinkel ausgemalt. Diese illusionistische Architekturmalerei an Decke und Wänden ist ein seltenes Beispiel für die Raumgestaltung des deutschen Klassizismus. Erhalten sind auch die vier Kronleuchter aus dieser Zeit. Ursprünglich als Tanz- und Speisesaal für die Kurgäste genutzt (Goethe und Schiller speisten hier, Christiane Vulpius zertanzte ihre Schuhe), konzertieren heute in dem 190 Personen fassenden Saal namhafte Künstler und Ensembles des In- und Auslandes.

Gleichzeitig mit dem Kurhaus wurde 1780 auch das daneben liegende Küchengebäude eröffnet, in dem sich nun die „Lauchstedter Gaststuben“ befinden. In den im Stil des Spätbarock und Biedermeier eingerichteten Räumen lässt es sich angenehm speisen.

Hier befinden sich auch die Gästezimmer.

Die Kolonnaden, ein hölzerner Wandelgang mit ebenfalls illusionistischen Architekturmalereien, gaben den damaligen Kurgästen Schutz bei Regen und Wind. In den darin befindlichen „Krambuden“ bieten auch heute Händler ihre Waren an.

Im 1823 erbauten Badehaus befinden sich die Verwaltung des Museumsbereiches, das Archiv und Lager- und Aufenthaltsräume.

Alle Gebäude sind original erhalten und in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege restauriert.

Der Park ist in seinem vorderen, östlich gelegenen Teil weitgehend im französischen Stil gehalten; der westliche Teil mit großen Wiesenflächen und einem zum Teil 200 Jahre alten Baumbestand erinnert an einen englischen Landschaftspark.