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Das Goethe-Theater
Das Goethe-Theater in der Goethestadt Bad Lauchstädt

Das Goethe-Theater in der
Goethestadt Bad Lauchstädt

Theatergeschichte

Das kleine, 1802 unter Goethes Leitung errichtete Lauchstädter Sommertheater ist der einzige erhaltene Theaterbau, in dem der Dichter während der 26 Jahre seiner Tätigkeit als Theaterleiter mit dem Weimarer Ensemble gewirkt hat. Dieses westlich des Lauchstädter Schlosses gelegene Bauwerk bedeutete eine Erweiterung der kurz zuvor neugestalteten Kuranlagen (→ Badegeschichte) des damaligen kursächsischen Luxus- und Modebades Lauchstädt.

Die Badegäste des „sächsischen Pyrmont“, wie man Lauchstädt damals bezeichnete, setzten sich aus dem hohen und niederen Adel Sachsens, Preußens, Anhalts und Thüringens zusammen, zu denen sich Kammerherren, Domherren und Offiziere, reiche Kaufleute aus Leipzig, Gelehrte und Dichter gesellten. Zur Unterhaltung des Badepublikums fanden seit 1761 Theateraufführungen statt, die in den kommenden Jahren zu einer festen Einrichtung im Bade wurden. Besondere Anziehungskraft übte das Theater auf die Studenten der nahen Universität in Halle aus, weil dort auf Betreiben pietistischer Kreise 1771 ein Verbot des Schauspiels in der Stadt selbst und zwei Meilen im Umkreis erlassen worden war. Die Studenten zogen daher in großen Scharen aus dem preußischen Halle ins kursächsische Ausland nach Lauchstädt, bis 1806 das Verbot aufgehoben wurde.

Die ersten Theaterbauten

Theatergebäude in Lauchstädt | erbaut von Joseph Bellomo | 1785

Theatergebäude in Lauchstädt | erbaut von Joseph Bellomo | 1785

Lauchstädt erhielt die erste „Komödienbude, die auf einem Grundriss von 30 mal 50 Fuß hinter dem Schloss auf dem ehemaligen „Thonberge“ aufgestellt wurde, durch den Theaterdirektor Friedrich Koberwein, der 1776 eine Konzession dafür erwarb. Die Bude verfiel aber bald wieder. Daher entschloss sich der während des Winters in Weimar und sommers in Lauchstädt gastierende Theaterdirektor Joseph Bellomo, ein neues „breternes Komödienhaus“ bauen zu lassen. Später beschrieb Goethe dieses um 1790 mit Fachwerkwänden versehene Theater folgendermaßen: „Die dortige Bühne war von Bellomo so ökonomisch als möglich eingerichtet; ein paar auf einem freien Platz stehende hohe Brettergiebel, von welchen zu beiden Seiten das Pultdach bis nahe zur Erde reichte, stellten diesen Musentempel dar; ...“

Als 1791 Johann Wolfgang von Goethe die Oberdirektion des von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar gegründeten Hoftheaters übernahm, wurde Bellomos Vertrag gekündigt. Da mit etwa vierzig Lauchstädter Sommeraufführungen ebensoviel Einnahmen wie mit einhundert Vorstellungen in Weimar erzielt werden konnten, kaufte die Hoftheaterkommission das Lauchstädter Theater von Bellomo für 1200 Taler. Am 13. Juni 1791 debütierte das Weimarer Hoftheater in Lauchstädt, und zwar, wie auch in den kommenden Jahren, mit Stücken des Winterrepertoires. Die Weimarer Aufführungen von Lessings „Minna von Barnhelm“ und „Emilia Galotti“, Schillers „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“ und „Don Carlos“, Mozarts „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“ und anderen Werken in Lauchstädt bewirkten zusammen mit dem literarischen Ruf des Theaterleiters einen nie dagewesenen Zustrom des Publikums.

Es ist verständlich, dass nun die Qualität des Gebotenen und der Zustand des Hauses in keinem rechten Verhältnis mehr zueinander standen. Der Hofkammerrat Franz Kirms aus Weimar nannte 1799 das Theater einen „Quasi-Stall“. In einem Brief an denselben berichtete der Schauspieler Becker im gleichen Jahr: „Unser Theater in Lauchstädt ist so übel beschaffen, daß es, sowohl auf dem Theater, als auf dem Platz der Zuschauer einregnet, und in unserer Mannesgarderobe können wir gar nicht mehr bleiben, wenn es regnet. …Die Studenten nennen es nur eine Schafhütte, drum fällt auch die Achtung weg, auf die wir Anspruch machen können, ...“ Goethe selbst empfand darüber, wie der Schauspieler Genast berichtete, „ein großes Mißbehagen, und es wurde der Beschluß gefaßt, ein wenn auch noch so kleines Theater auf eigene Kosten zu bauen;…“

Der Neubau des Theaters

Um die rechtliche Grundlage für den Bau dieses auf fremdem Hoheitsgebiet geplanten, „schicklicheren Schauspielhauses“ des Weimarer Theaters zu erwirken, richtete Goethe bereits am 25. Juli 1797 ein Schreiben an den sächsischen Kurfürsten. Es ist charakteristisch für die Zustände im damaligen Deutschland, dass fünf Jahre lang zwischen den, meist durch Goethe vertretenen, sachsen-weimarischen und den kursächsischen Behörden verhandelt werden musste, bis alle tatsächlichen und vermeintlichen Schwierigkeiten beseitigt waren und mit dem Bau begonnen werden konnte. Schon 1797 hatte der Weimarer Hofbaumeister J. F. R. Steiner einen Riss für das neue Theater anfertigen und am 11. Dezember 1800 einen Kostenvoranschlag dazu an Herzog Carl August nachreichen müssen. Der Herzog genehmigte der Hoftheaterkommission auch am

18. Dezember 1800 den Bau, allerdings unter Hinweis darauf, „daß bey dem Bau selbst die möglichste Räthlichkeit beobachtet und mehr auf nöthige und schickliche Geräumigkeit als auf besondere die Baukosten mehrende Verzierung Bedacht genommen werde.“ Außerdem ordnete Carl August angesichts der hohen Ausgaben für den Weimarer Schlossbau an, dass der Lauchstädter Neubau auf Kosten der „Theater-Casse“ zu geschehen habe und „mit den erforderlichen Geld-Vorschüssen die Cammer alhier [zu] verschonen“ sei. Am 30. August 1801 ergänzte er nochmals seine Instruktionen dahingehend, „den wegen des Schloßbaues allhier anwesenden Professor Gentz aus Berlin zu Rate zu ziehen.“ Zugrunde lag dem allerdings die vorangegangene Empfehlung Goethes, der das Weimarer Hofbauwesen mindestens seit 1793 bestimmend anleitete.

Hofbaumeister Steiner war wohl ein guter Techniker und Bauökonom, doch ein wenig begabter Künstler. Sein Entwurf wurde also am 3. September 1801 an Gentz zur Revision gegeben. Ob der Architekt Heinrich Gentz, der langjährige Sekretär der Berliner Bauakademie, den heute nicht mehr vorhandenen Plan von Steiner umgearbeitet und vervollkommnet oder aber einen völlig neuen Entwurf hergestellt hat, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Der in Goethes Kunstsammlung erhaltene Bauplan, dem leider der Grundriss fehlt, zeigt jedoch so typisch Gentzsche Merkmale, dass Gentz´ Primat bei der Autorschaft, allerdings unter starker konzeptioneller Beteiligung Goethes, als sicher gelten kann. Ein Vergleich der Theater-Risse allein schon mit der Fassade des zwei Jahre zuvor von ihm beendeten Münzgebäudes in Berlin ließe dies deutlich werden: bei beiden Bauten die gleichen Fensterformen und -gruppierungen, die gleiche Anwendung von Werksteinsockeln, rustiziertem Erdgeschoss und glattgeputztem Obergeschoss.

Am 16. Februar 1802 hatte Goethe mit seinem Baukondukteur Paul Götze, der bereits im Vorjahr für die Bauleitung in Lauchstädt vorgesehen worden war, eine Besprechung über die Beschaffung und den Transport aus dem „Oberland“ (Thüringer Wald) sowie die Anfertigung eines Okularrisses (Geländekarte nach Augenmaß) vom Standort des zu erbauenden Theaters in Lauchstädt. Konzeption des Hauses und Bauablauf werden von Goethe in den Tag- und Jahresheften auf das Jahr 1802 treffend geschildert: „ ... ein Plan ward entworfen, ein Modell der eigentlichen Bühne gefertigt, und im Februar hatte man sich schon über das, was geschehen sollte, vereinigt. Abgewiesen ward vor allen Dingen die Hüttenform, die das Ganze unter ein Dach begreift. Eine mäßige Vorhalle für Kasse und Treppen sollte angelegt werden, dahinter der höhere Raum für die Zuschauer emporsteigen und ganz dahinter der höchste fürs Theater.

Viel, ja alles kommt darauf an, wo ein Gebäude stehe. Dies ward an Ort und Stelle mit größter Sorgfalt bedacht, ... Der Bau ging nun kräftig vor sich; im März lag das akkordierte Holz freilich noch bei Saalfeld eingefroren, dessenungeachtet aber spielten wir den 26. Juni zum erstenmal.“

Aus dieser Mitteilung ergibt sich als Tatsache, dass die eigentliche Bauzeit einschließlich des Abflößens des Holzes auf der Saale bis Schkopau nur rund zwölf Wochen betragen hat. Neben Termin- und Handwerkersorgen waren aber auch erhebliche Finanzschwierigkeiten zu überwinden. Sie führten dazu, dass Goethe persönlich etwa ein Sechstel der über 9000 Taler umfassenden Bausumme beitrug, da aus Theaterkasse und Subventionen nicht der ganze Betrag zusammenkam.

Die Eröffnung des neuen Hauses

Grundriss des Goethe-Theaters | Zeichnung von Bauinspektor Briesen | 1816

Grundriss des Goethe-Theaters | Zeichnung von Bauinspektor Briesen | 1816

Am 26. Juni 1802 fand in Anwesenheit des Dichters die Eröffnung des Theaters statt, der 672 Gäste beiwohnten, während Hunderte von Zuschauern keinen Zutritt mehr erlangen konnten. Gegeben wurden Mozarts Oper „Titus“ und das Vorspiel „Was wir bringen“, das Goethe kurz zuvor in acht Tagen in Jena geschrieben und mitten im Handwerkertrubel mit den Schauspielern einstudiert hatte.

Wie das Haus kurz nach seiner Fertigstellung aussah, belegen Bauaufnahmen des Bauinspektors Briesen von 1817, die noch als Reproduktionen existieren und früher als Originale im Archiv der Königlichen Regierung in Merseburg vorlagen. Diese Zeichnungen und der heutige Zustand des Hauses machen deutlich, dass der Entwurf von Gentz bei der Bauausführung in seinen Grundlinien beibehalten, jedoch nicht in allen Einzelheiten verwirklicht worden ist. Die schon von Goethe für wichtig erachtete äußere Form des Bauwerks - aus drei zusammengesetzten und nach hinten ansteigenden Baukörpern gebildet - lässt seine Zweckbestimmung für jedermann erkennbar werden. Diese funktionell motivierte, klare Herausstellung der einzelnen stereometrischen Grundformen des Hauses zeigt Anklänge an die um 1800 entstandenen Theaterentwürfe Friedrich Gillys und setzt als bemerkenswerte frühklassizistische Lösung in Deutschland fort, was wenig früher im Rahmen der Demokratisierung des Bildungs- und Kulturbaues in Frankreich begonnen worden war.

Goethe-Theater | errichtet 1802 von Heinrich Gentz nach Plänen Goethes | Zuschauerraum nach Goethes Farbenlehre | Deckenbespannung aus Leinwand

Goethe-Theater | errichtet 1802 von Heinrich Gentz nach Plänen Goethes |
Zuschauerraum nach Goethes Farbenlehre | Deckenbespannung aus Leinwand

Der Fachwerkbau, dessen Gefache mit getrockneten Lehmsteinen ausgemauert sind, ruht auf einem Bruchsteinsockel. Das Fachwerk wurde erst ein Jahr nach der Eröffnung verputzt. Ob man dabei von der im Gentzschen Entwurf vorgesehenen und in ihrem Charakter nach heutigen Begriffen bei einem Fachwerkbau unaufrichtigen Putzgliederung der Fassaden, die einen Werksteinbau vorgetäuscht hätte, aus den vom Herzog geforderten finanziellen oder aus ästhetischen Erwägungen Abstand nahm, ist ungewiss. Der Verzicht auf schwere Rustizierung im Erdgeschoss und eine aufwendige Gliederung der Giebelfronten von „Vorsälchen“ und Bühnenhaus sowie auf die pylonenartigen Eckrisalite am Bühnenhaus war dem Bau und seiner Wirkung in der ländlichen Umgebung nur dienlich. Dass allerdings im Erdgeschoss des Bühnenhauses die ursprünglich geplanten und mit der oberen Reihe korrespondierenden Halbrosetten-Fenster weggelassen wurden, ist recht bedauerlich.

Die Dächer haben eine Neigung von 28 bis 30° und waren anfangs der Leichtigkeit und Billigkeit halber mit Schindeln gedeckt. Da sich nach 1830 Dachpappe und später Schiefer als unzweckmäßig erwiesen haben, ist 1967 mit der Kupferdeckung eine technisch wie denkmalpflegerisch befriedigende Lösung gefunden worden.

In der Vorhalle sind Kasse, Garderoben, Café und Treppe zur Galerie untergebracht. Dahinter gelangt man in einen hufeisenförmig um den Zuschauerraum herumgelegten Wandelgang und von diesem in den Zuschauerraum selbst. Er ist 12 Meter breit, 20,5 Meter lang und gegenüber der Bühnenwand rund abgeschlossen. Ein balkonartiger Einbau mit neun Logen folgt dieser Rundung und ist, ebenso wie die Logen und die beiden Seitengalerien, von einem oberen Umgang aus erreichbar. Die Dielung des  Zuschauerraumes steigt nach hinten zu im Verhältnis 1:25 an und gewährleistet eine gute Sicht von allen Plätzen aus. Früher hatten die Bänke keine Lehnen, sie waren aber von jeher mit rotem Stoff flach gepolstert. Die ursprüngliche Teilung des Parketts mittels zweier hölzerner Barrieren in drei Platzgruppen ist aufgehoben worden.

Wie aus alten Handwerkerrechnungen hervorgeht, entsprechen die Marmorierung der Holzarchitektur und das Granit-Grau der Wände dem Originalzustand des Raumes. Nach antikem Muster spannt sich über den Zuschauerraum eine Zeltdecke. Einem Vorbild anderer Berliner Architekten des Klassizismus folgend, hat daher Gentz die Binder des Dachstuhls im Zuschauerraum als halbkreisförmige Bohlenbinder ausgebildet an denen die Zeltleinwand von unten angeheftet ist. Die Bohlenbinder ragen durch die seitlichen Galerien und den oberen Umgang, wobei der Architekt keinen Anstoß daran genommen hat, dass sie dort den Zuschauern hinderlich sein könnten. Die ursprünglich nur aus zwei Bohlenlagen gefügten Binder haben allerdings trotz leichter Schindeldeckung des Daches den starken Seitenschub der Sparren nicht lange abfangen können. Daher wurden schon kurz nach 1830 die kräftigen Pfeiler an der Umfassungsmauer des Zuschauerraumes als Widerlager angefügt. In ihrer Form folgen sie den neugotischen Tendenzen der damaligen Zeit und nehmen nicht Rücksicht auf die stilistischen Eigenheiten des Bauwerkes. Andererseits sind sie als Sicherungsmaßnahmen ein Dokument aus der Frühzeit der Denkmalpflege.

Im Zuschauerraum hat der Bühnenmaler Haidlof 1802 oberhalb des Architravs nach Vorlagen, die Goethes Freund und Kunstberater, der Schweizer Maler Heinrich Meyer, entworfen hatte, einen Fries von Bogenornamenten auf die Leinwand gemalt. Sie erwecken in Weiß, Grau, pompejianisch Rot und wenig Blau den Eindruck, als schaue der Betrachter unter einem Zeltsaum und zwischen einer Verspannung hindurch in einen roten Himmel. Dieser Fries kann als schönes Beispiel dafür gelten, wie Ornamente wohl eigenen Gesetzen des Dekorativen folgen und doch zugleich Unterstreichung einer konstruktiven Besonderheit sein können. Mit dieser Ausmalung nach Meyers Entwurf fiel die nach der Konzeption von Gentz vorgesehene Kassettierung weg, die durch plastische Malweise die Vorstellung einer Stuckdecke hervorgerufen und den Zeltcharakter zerstört hätte. Zuschauerraum und Bühne werden von (inzwischen elektrifizierten) Rüböllampen erleuchtet, die nach dem Brennerprinzip mit Hohldocht und Glaszylinder arbeiteten, das 1783 von dem schweizerischen Lampenfabrikanten Aimé Argand erfunden worden ist. Wandlampen und Kronleuchter brannten auch während des Spiels, das nachmittags begann und vor Einbruch der Dämmerung endete - heute wird vorwiegend an den Wochenenden gespielt und der Vorstellungsbeginn ist 14.30 Uhr.

Der Orchesterraum bietet etwa 25 Musikern Platz, so dass in diesem Haus auch - was die Zahl der mitwirkenden Musiker betrifft - Opern von Händel, Mozart und deren Zeitgenossen gespielt werden können.

Die Bühnentechnik

Die Lauchstädter sogenannte Gassenbühne vermittelt eine gute Vorstellung vom Idealtyp der Bühne während der deutschen Klassik, wie sie von Schiller zur Aufführung seiner Schauspiele mit dem häufig erforderlichen Szenenwechsel innerhalb eines Aufzugs vorausgesetzt wurde. Die Träger des Bühnenbildes (der Horizont oder Prospekt; die seitlich auf Kulissenwagen und in Holzschlitzen des Bühnenbodens gleitenden Kulissenflügel; die oben quer hängenden Soffitten) sind perspektivisch bemalt. Sie können - jeweils dreifach vorhanden - über Seilzüge durch die Drehung einer sieben Meter langen Holzwelle, die in der Unterbühne angeordnet ist, alle zugleich in wenigen Sekunden gegeneinander ausgetauscht werden. Wenn einige Seile umgehängt werden, kann man noch ein drittes Bühnenbild auf gleiche Weise vorführen. Für die Bewegung der Welle benötigte man einige Bühnenarbeiter, heute allerdings ist ein Motor eingebaut.

Da Goethe veranlasst hatte, dass die Lauchstädter Bühne und ihre Einrichtungen dieselben Abmessungen wie die des alten Weimarer Theaters bekamen, konnten im Sommer die aus Weimar mitgebrachten Dekorationen in Lauchstädt eingehängt und somit zusätzliche Kosten gespart werden. Das Bühnenhaus hat eine lichte Weite von 18,5 Metern und eine Tiefe von 9,4 Metern. Der Bühnenraum ist verlängert durch eine Hinterbühne von fünfmal 5 Metern. Mit einem segmentbogigen Grundriss schiebt sich die Bühnenrampe 1,60 Meter weit in den Orchesterraum vor. Sie ist mit Argand‘schen Lampen bestückt, weitere Lampen sind an senkrechten Latten zwischen den Kulissenflügeln innerhalb der Gassen montiert. Die Latten der Kulissenleuchten sind drehbar angeordnet, so dass durch gleichzeitiges Schwenken aller Latten mittels einer Zugvorrichtung das Licht in die Seitenbühnen gerichtet und damit auf der Bühne der Eindruck der Dämmerung hervorgerufen werden kann.

Der nach der Tiefe zu im Verhältnis 1:22 ansteigende Bühnenboden ist mit sechs Versenkungen versehen. Zwischen je vier kräftigen Holzführungen gleiten die Versenkungsplattformen auf und nieder und werden in der Unterbühne von hölzernen Haspeln über Seile bewegt. Mittels einer Holzwalze wird der rote Vorhang nach oben aufgezogen. Früher hatte eine Person die Leiter neben dem Bühnenportal zu erklimmen und ein in Holzschienen vertikal laufendes Brett zu besteigen. Über ein Seil wurde die Vorhangwalze durch das Körpergewicht gedreht. Eine Anzahl von Garderobenräumen und ein Konversationszimmer hinter der Bühne und über den Seitenbühnen vervollständigen die einfache, doch vollkommene Einrichtung des klassizistischen Theaters.

Die Lauchstädter Bühne gehörte, als Goethe die Aufführungen leitete, zu den ersten Deutschlands.

Schiller in Lauchstädt

Friedrich von Schiller | Anton Graff | 1787

Friedrich von Schiller | Anton Graff | 1787

War 1802 für Lauchstädt ein Goethe-Jahr, so wurde 1803 ein Schiller-Jahr. Schiller kam am 2. Juli und blieb bis zum 14. des Monats. Goethe wünschte ihm auf den Weg: „Möge Ihnen viel Freude auf Ihrer Fahrt gewährt seyn, ... und ... daß Sie sich in der Bewegung des Strudels behaglich finden.“

Schiller war nicht zum ersten Male in Lauchstädt. Schon 1789 hatte er hier am 2. und 3. August auf der Reise nach Leipzig die Lengefeldschen Schwestern besucht, mit denen er seit Dezember 1787 befreundet war. Noch am Abend des 3. August warb er in einem Brief um Charlotte von Lengefeld, die ihm schriftlich ihr Jawort gab.

Entgegen dem Wunsche Goethes fand sich Schiller nicht ganz „behaglich“. Er schrieb nach Weimar, dass ihm der „gänzliche Müßiggang ... etwas Ungewohntes“ und er „den Verlust der schönen Zeit bedaure“. Wie Goethe im Vorjahr, besuchte auch Schiller regelmäßig das Theater und betrachtete kritisch das neue Haus. Aus der Beobachtung des vielfach wechselnden Publikums zog er Lehren für die eigene dramatische Arbeit. An seine Frau schreibt er: „Ueber das Theater selbst habe ich bei den wenigen Vorstellungen etwas gelernt, und für die Zukunft gewonnen.“ Und an Goethe: „Das Theatergebäude hat mich in dieser kurzen Zeit seine Vorzüge und auch seine  Mängel erfahren lassen.“

Ungewöhnlich und für alle, die daran teilgenommen hatten, unvergesslich war die Aufführung der „Braut von Messina“ in Schillers Anwesenheit. Während der Vorstellung brach ein schweres Gewitter aus, wobei, wie Schiller schreibt, „die Donnerschläge und besonders der Regen so heftig schallten, daß eine Stunde lang man fast kein Wort der Schauspieler verstand“. Entgegen vielen dramatischen Schilderungen schreibt Schiller weiter: „Lustig und fürchterlich zugleich war der Effekt, wenn bei den gewaltsamen Verwünschungen des Himmels, welche die Isabella im letzten Akt ausspricht, der Donner einfiel“. Sachlich berichtet er Goethe: „Und den Tag darauf, wo ich das leere Schauspielhaus besichtigte, sah man die häßlichen Spuren des hereingedrungenen Regens an der schön gemahlten Decke.“ Stürmisch wurde Schiller von den Studenten gefeiert. Beim Betreten des Theaters wurde er mit „schmetterndem Ruf bei Hand- und Fussgetöse“ empfangen. Nachts zogen sie vor seine Fenster „und brachten ihm ein Halloh mit Gesang und Musik“. Er selbst vermochte, wie es aus einem Brief an seine Frau klingt, diese Begeisterung nicht zu teilen: „Man hat mir gestern nach dem Ball noch in später Nacht eine Musik gebracht, wobei viele Studenten aus Halle und Leipzig waren, sodaß ich noch nicht recht habe ausschlafen können, auch des Morgens haben sie mich mit Musik begrüßt.“

Anton Genast hat geschildert, wie sehr Schiller durch die Aufmerksamkeit und die Ehrenbezeigungen der bunten Menge in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt war. „Er ging gewöhnlich gebeugten Hauptes durch die Massen, jedem, der ihn grüßte, freundlich dankend. Wie ganz anders war Goethe unter diesem Publikum, das alljährlich fast dasselbe war, einhergeschritten, stolz wie ein König, mit hocherhobenem Haupte, das er bei einem Gruß nur gnädig neigte.“

Die Halleschen Studenten

Schillers und Goethes Anwesenheit in Lauchstädt machten Bad und Theater zu einem doppelten Anziehungspunkt für die Studenten. Der Dichter Eichendorff, der in diesen Jahren in Halle studierte, berichtet in seinen Erinnerungen: „Die Komödienzettel kamen des Morgens schon, gleich Götterboten, nach Halle hinüber, und wurden, wie später etwa die politischen Zeitungen, ... beim ‚Kuchenprofessor’ eifrigst studirt. War nun ... ein Stück von Göthe oder Schiller angekündigt, so begann sofort eine wahre Völkerwanderung zu Pferde, zu Fuß, oder in einspännigen Kabriolets, nicht selten einer großen Retirade mit lahmen Gäulen und umgeworfenen Wägen vergleichbar, niemand wollte zurückbleiben, die Reicheren griffen den Unbemittelten mit Entrée und sonstiger Ausrüstung willig unter die Arme, denn die Sache wurde ganz richtig als eine Nationalangelegenheit betrachtet. In Lauchstädt selbst aber konnte man, wenn es sich glücklich fügte, Goethe und Schiller oft leibhaftig erblicken, als ob die olympischen Götter wieder unter den Sterblichen umherwandelten.“

Goethes Frau Christiane Vulpius

„Tanzsaal und Brunnen in Lauchstaedt“ | colorierter Kupferstich | F. A. Scheureck | 1790

„Tanzsaal und Brunnen in Lauchstaedt“ | colorierter Kupferstich | F. A. Scheureck | 1790

Christiane war 1803 mit dem Sohn August allein nach Lauchstädt gefahren, um, wie sie an einen Freund schrieb, „das Tanz- sowohl als das Wasserbad zu gebrauchen“. In Lauchstädt war sie im Gegensatz zu Weimar ein immer angesehener und willkommener Gast. Oft und gern ist sie darum dorthin gekommen. Die aus Lauchstädt an Goethe gerichteten Briefe Christianes geben ein anschauliches Bild von der Heiterkeit und Freude des Badelebens und von ihrem eigenen Wohlbefinden. Neben der Teilnahme an vielen Vergnügungen war sie bemüht, die Schauspielergesellschaft zusammenzuhalten, Intrigen nicht zustandekommen zu lassen und Goethe über alles Wesentliche zu unterrichten. Wie wichtig ihm diese Seite des Aufenthaltes seiner Frau in Lauchstädt war, zeigt ein Brief aus dem Jahre 1808. Goethe schreibt: „Du thust wohl in Lauchstedt bis zu Ende zu bleiben und mir geschieht eine große Liebe. Denn ohne dich weißt du wohl könnte und möchte ich das Theaterwesen nicht weiter führen. Wenn wir wieder zusammen kommen machst du mich mit den Ereignissen des Sommers bekannt“.

1805 reiste Goethe wieder gemeinsam mit Christiane nach Lauchstädt. Es war Goethes letzter und längster Besuch. Am 2. Juli fuhren sie von Weimar ab, und am 5. September holte Christiane, die schon Mitte August nach Weimar zurückgekehrt war, Goethe in Lauchstädt ab.

Über den Lauchstädter Spielplan dieses Sommers teilt Goethe mit: „Das Repertorium enthielt so manches dort noch nicht gesehene Gute und Treffliche, so daß wir mit dem anlockenden Worte ‚zum ersten Male’ gar manche unserer Anschläge zieren konnten.“

Die am 10. August 1805 von Goethe im Lauchstädter Theater veranstaltete Feier zum Andenken Schillers war das bedeutendste Ereignis dieses Theatersommers. Den drei letzten Akten der „Maria Stuart“ folgte die als Melodram eingerichtete „Glocke“, zu der Goethe für diesen Anlass einen „Epilog“ geschrieben hatte. Goethe ist nach 1805 nicht wieder nach Lauchstädt gekommen, obwohl die Weimarer Schauspielergesellschaft bis 1811 regelmäßig in den Sommermonaten dort spielte. Aber auch weiterhin beobachtete er mit großem Interesse die Vorgänge am Lauchstädter Theater und bestimmte dessen Spielplan. 1814 trat die Weimarer Gesellschaft nun von Halle aus zum letzten Male in Lauchstädt auf. Bad und Theater verloren sich aus Goethes Gesichtskreis.

Die Jahre danach

Goethe-Theater | colorierter Stich | Robert Kamprath | 1856

Goethe-Theater | colorierter Stich | Robert Kamprath | 1856

Nach dem Wiener Kongress fiel Lauchstädt mit dem Stift Merseburg an Preußen. Für Weimar wurde der Besitz des Theaters zur Last. Carl August erwog den Abbruch, um aus dem Material beim Gestüt Allstedt eine Reithalle zu bauen. Der preußische Staat erwarb 1818 das Theater für 5000 Taler. Es wurde ein königliches Schauspielhaus. Auch fortan wurde den Sommer über für die Kurgäste gespielt. Doch trotz der Anstrengungen mancher Theatergesellschaft und ungeachtet der Tatsache, dass Richard Wagner 1834, einundzwanzigjährig, seine Laufbahn als Dirigent hier begann, verlor das Theater an Bedeutung.

Anfang der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts hatte sich das Dach des Theaters um fast einen Meter gesenkt und die Außenwände nach außen gedrückt. Schwere Stützpfeiler aus Bruchsteinen mussten dem Gebäude wieder Halt geben. Sie bestimmen seither das Aussehen des Theaters und haben der Architektur die ursprüngliche Leichtigkeit des kleinen Sommertheaters genommen.

Im Theater begann die Leinwand-Bespannung der Decke in Fetzen herabzuhängen, schlecht eingezogene Zuganker verunstalteten den Zuschauerraum. 1900 musste das Theater aus feuerpolizeilichen Gründen geschlossen werden. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts beschloss die preußische Regierung den Abbruch des Theaters. Doch überall in Deutschland erhoben sich Stimmen zum „lauten Protest gegen die Vernichtung eines nationalen Denkmals“. Das kaiserliche Deutschland und der preußische Staat glaubten sich zur Hilfe außerstande. 1906 nahm deshalb der Landtag der Provinz Sachsen das Anerbieten des Hallenser Bankiers Dr. Heinrich Lehmann zur Übernahme der Kosten für die Wiederherstellung des Theaters an.

Am 13. Juli 1908 konnte das wiederhergestellte und damit vor dem Verfall bewahrte Goethe-Theater mit Goethes „Iphigenie“ eröffnet werden. Ein Lauchstädter Theaterverein wurde gegründet, der die kleine Bühne „als köstliche Reliquie aus der großen Weimarer Zeit bewahren“ und sie wieder „dauernd in den Dienst der dramatischen Kunst“ stellen wollte.

So fanden jährlich Festspiele sowie Aufführungen zu besonderen Anlässen statt, wie 1912 die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Gabriel Schillings Flucht“, zu der er persönlich nach Lauchstädt kam.

In Vorbereitung der Goethefeiern des Jahres 1932 wurden Theater und Kuranlagen abermals überholt.

Das Goethe-Theater hatte den zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden und wurde nach 1945 wieder genutzt.

Das Goethe-Theater und die Historischen Kuranlagen wurden 1966-1968 mit dem Ziel restauriert, sie so wiederherzustellen, wie sie Goethe und seine Zeitgenossen gesehen haben.

Detail der Decke im Zuschauerraum des Goethe-Theaters | heutiger Zustand

Detail der Decke im Zuschauerraum des Goethe-Theaters | heutiger Zustand

Das kleine Sommertheater, ein Meisterwerk seiner Art, sollte sich nicht nur in alter Schönheit zeigen, sondern mit seiner alten Bühnentechnik wieder benutzbar gemacht werden.

Hölzerne Bühnenmaschinerie im Goethe-Theater | Detail | heutiger Zustand

Hölzerne Bühnenmaschinerie im Goethe-Theater | Detail |
heutiger Zustand

„Argandsche Lampe“ im Goethe-Theater | heutiger Zustand

„Argandsche Lampe“
im Goethe-Theater |
heutiger Zustand

Auch nach mehr als 200 Jahren ist das Goethe-Theater ein geistiges und kulturelles Zentrum, dessen Ausstrahlung jährlich zahlreiche Besucher fasziniert. Neben den künstlerischen Angeboten des „Theatersommers“ und des „Konzertwinters“ sind es vor allem die regelmäßigen → Führungen durch die Ausstellungsräume, die interessante Einblicke in die eng mit Goethes Wirken verwobene Tradition und Gegenwart Bad Lauchstädts gestatten.

Im Goethe-Theater Bad Lauchstädt (Foto: Uwe Köhn)

Goethe-Theater Bad Lauchstädt (Foto: Uwe Köhn)